
Verkehrsänderungen am Holzmarkt und im Mühltal schaden Sicherheit
Der ADFC Jena-Saaletal kritisiert KFZ-fördernde Entscheidungen der Verkehrsbehörden. Zwei konkrete Beispiele zeigen handwerkliche Fehler und mangelnden Weitblick.
Verkehrsbehörden gegen Fußgänger und Radfahrer – Kehrt Jena zurück ins 80er-Jahre-Auto-Denken?
Seit März 2026 ist der Holzmarkt kein Verkehrsberuhigter Bereich mehr und entlang der B7 im Mühltal soll demnächst die Vorfahrt zugunsten des KFZ geändert werden.
Diese Entscheidungen der Verkehrsbehörden zeugen von einer Perspektive, die Straßen ausschließlich vom Auto her denkt – nicht für die Bürgerinnen und Bürger. Dies führt dazu, dass Radfahrende und Fußgehende schlechter gestellt werden, während rücksichtsloses Fahrverhalten indirekt belohnt wird.
Langfristig droht Jena damit ein Bedeutungsverlust gegenüber Nachbarstädten wie Erfurt, Leipzig und Weimar, die bessere Voraussetzungen für Lebensqualität und wirtschaftliche Entwicklung bieten.
Der Holzmarkt – aus verkehrsberuhigtem Bereich wird Durchgangsstraße
Ziel war die Vermeidung des beidseitigen Parkens entlang des Holzmarktes, was häufiger zur Blockade der Buslinien führte. Die Wirksamkeit der Maßnahme ist jedoch nicht nachweisbar – trotz beidseitiger Halteverbotsschilder stehen oft ebenso viele KFZ zu beiden Seiten der Straße wie zuvor. Dafür hat sich die Sicherheit an der Kreuzung zur Grietgasse verschlechtert, da die dortige Vorfahrtänderung der infrastrukturellen Gestaltung widerspricht und zu Unklarheiten führt. Die Wirkung auf die Aufenthaltsqualität in Jena ist dafür deutlich negativ – der Durchfahrtsverkehr hat sich gefühlt verdreifacht, seitdem die Straße als weitere Ampel-Umgehung ins Netz eingefügt wurde.
Radweg an der B7 im Mühltal – Verschlechterung ohne fundierte Grundlage
Am 17.07.26 wurde in den Funke-Medien verkündet, Radfahrende sollen künftig dem einmündenden Verkehr Vorfahrt gewähren. Als Begründung wurden Unfälle genannt, die eine solche Änderung notwendig machen würden. Nach Recherchen des ADFC Jena-Saaletal sind in den letzten 6 Jahren maximal 2–4 entsprechende Unfälle bekannt. Noch am 25.07.25 – nach genannten Unfällen – wurden die Kreuzungen von der Polizei als unauffällig bezeichnet. Woher kommt also diese plötzliche Neueinschätzung?
Die angedachten Änderungen widersprechen zudem geltenden Regelwerken zur Gestaltung von Infrastruktur (ERA, RAL):
Für eine ERA-konforme Änderung der Vorfahrtsregel müsste der Radweg 6 m von der Straße weggeführt werden. Das ist im Mühltal nur mit größeren Terrain-Änderungen möglich.
Zudem soll bei übergeordneter Radweg-Bedeutung die Wartepflicht nicht realisiert werden. Die geplante Änderung an der B7 widerspricht diesem Grundsatz. Der Fuß-Radweg an der B7 ist laut Stadtunterlagen von übergeordneter Bedeutung. Spätestens mit dem ZEISS-Produktionsstandort in Isserstedt wird die Frequenz an Radfahrenden zusätzlich steigen.
Die Änderungen machen das Radfahren an der Strecke wesentlich gefährlicher und unbequemer, sodass viele vom Fahrrad auf das Auto umsteigen werden. Die Stadt erhöht mit dieser Entscheidung die Verkehrsmenge und damit die Staus in den betroffenen Vierteln Jena-West, Zentrum, Südviertel und Isserstedt.
Verbesserungsvorschläge des ADFC Jena-Saaletal
1. Klare Markierung – Zusätzliches, auf die Straße vor der Kreuzung aufgemaltes „Achtung, Radfahrende"-Schild (Zeichen 138-10).
2. Übersicht sicherstellen – Anpassungen der Vegetation und Straßeninfrastruktur, um bessere Sichtverhältnisse herzustellen.
2. Geschwindigkeitsreduktion – B7 an den Kreuzungen und der Querung für Radfahrende auf 50 km/h reduzieren, um das Einfädeln zu erleichtern und hektische Reaktionen ohne ausreichende Umsicht zu vermeiden. Dies reduziert auch die notwendige Übersichtslänge zur B7.
3. Niveauerhöhung – Fuß- und Radweg gegenüber der Fahrbahn anheben, um schnelles Überfahren des Schutzbereichs wirksam zu unterbinden.
4. Umsetzung der Vision Zero – Orientierung infrastruktureller Entscheidungen am Schutz schwächerer Verkehrsteilnehmer!
5. Gremienbeteiligung – Solche Maßnahmen müssen vor Umsetzung in den zuständigen Gremien diskutiert werden: AG Radverkehr und Beirat Mobilität. Geschieht dies nicht, führen die Entscheidungen der Verantwortlichen aus Stadt und Land dazu, dass Unsicherheit im Straßenverkehr gefördert wird, getroffene Regeln nicht gut verstanden werden und schwächere Verkehrsteilnehmer nicht geschützt werden. Das Verwaltungshandeln der Stadt muss hier auch als Schnittstelle zum Handeln des Lands in der Nähe des Stadtgebiets fungieren.
Der ADFC Jena-Saaletal fordert ein Moratorium der Umsetzung bis zu einer eingehenden Diskussion möglicher Alternativen, keine undurchdachten Entscheidungen nach Gutsherrenart. Zukünftig sollten die dafür geschaffenen Gremien der Bürgerbeteiligung vorab mit einbezogen werden, um mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen.
Der ADFC Jena-Saaletal setzt sich für sichere und gerechte Mobilitätsbedingungen für alle Verkehrsteilnehmer ein.